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»Ihr müßt diesen Typen nur ins Gesicht sehen«

APO Berlin 1966-1969

Dieses Buch soll keine Kritik, sondern eine Chronik der APO sein. Ich möchte mich daher auf einen Bericht über meine Arbeit und ihre photographischen Aspekte beschränken, und mich weiter ausschweigen über die Fragen, die ich damals kaum beantworten konnte, heute vielleicht beantworten kann.

So zum Beispiel: warum die Massen sich uns nicht anschlossen, obwohl wir doch »massenhaft« demonstrierten (Wortspiele hält man ja manchmal für Einsichten).

So zum Beispiel: ob die Studenten, die Mitte der Sechziger Jahre »Heraus aus dem Elfenbeinturm« zur Parole gemacht hatten (ich, indem ich mich exmatrikulieren ließ, mit ihnen), die alten Elfenbeintürme nicht nur stehen ließen, sondern sich sogar neue gebaut haben.

So zum Beispiel: ob die APO nicht vielleicht doch im wesentlichen ein Aufstand einer privilegierten Minderheit war, oder doch dazu durch die Trittbrettfahrer gemacht wurde.

Immerhin: die APO-Generation von 1966 bis 1969 hat wichtige Teile ihrer Revolte selbst gemacht und sie nicht nur gefordert und delegiert.

Eine der Wirkungen der APO-Generation – die sich ja auch auf ältere Generationen erstreckten – beruht sicher darauf, daß sie sich Freiheiten herausnahm, die sich die Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegs-Generationen bestenfalls als Traum gestattet hatten.

5. Februar 1966: Über 2500 Studenten beteiligen sich an der vom Sozialistischen Studentenbund, sozialdemokratischen Hochschulbund, Liberalen Studentenbund Deutschlands, Argument-Club und von der Humanistischen Studentenunion veranstalteten Demonstrationen gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam. Die Route führt vom Steinplatz über die Hardenbergstraße am amerika-Haus vorbei, über den Kurfürstendamm und die Uhlandstraße zurück zum Steinplatz.
8. Mai 1968: Sitzung des Konvents der FU. V.r.n.l.: Egmont Fassbinder, SDS, Frank Herterich, SPD, Johann Wolfgang Landsberg, SPD, Jürgen Treulieb, SDS, Peter Strotmann, SDS

[….] Ich besaß und arbeitete zuerst nur mit zwei Objektiven: mit den Brennweiten 35 und 90 mm. Um Demonstrationen aufzunehmen, hatte ich damit alles, was ich brauchte: ich war nie durch eine Tasche oder ein Blitzgerät (das ich damals verabscheute) behindert oder auffallend. Es war mir dadurch möglich, mich wie ein »Fisch im Wasser«, wie ein Partisan zu bewegen.[…] Die ich photographierte, nahmen mich gar nicht wahr: Weder die Demonstranten, noch die Polizei. Ich besaß nicht einmal einen Presseausweis. Als trüge ich eine Tarnkappe, konnte ich mich bei den Auseinandersetzungen auf der Straße durch die »Linien« bewegen.

November 1967: Gründung der Kritischen Universität im Auditorium Maximum der Freien Universität Berlin

Belustigt sah ich auf manche meiner hochgerüsteten Kollegen, denen man schon von ferne ansah, was sie waren, und die daher zuviel Aufmerksamkeit auf sich zogen. Sie waren Fremdkörper da, wo ich Teil des Geschehens war.[…] Ich bin in all den vier Jahren, die ja immer turbulenter und gewaltsamer wurden, weder mit der Polizei (denn ich wurde ihr nie ein Begriff) noch mit den Akteuren (denn ihnen war ich ja bekannt) je in Konflikt geraten oder von ihnen an der Arbeit gehindert worden.

Michael Ruetz 1980 im Vorwort des Buches


Abbildungen aus dem Buch:

3. Februar 1968:

Am Ende der Kundgebung setzt sich der größere Teil der Demonstranten in Richtung Kurfürstendamm in Bewegung.


18.Februar 1968:

Linke Seite: Schlußdemonstration des Internationalen Vietnam-Kongresses. Unter den Demonstranten Jan Carl Raspe, SDS.

Rechte Seite: Französische und deutsche Frauen im Demonstrationszug


4. November 1968:

Die Schlacht am Tegeler Weg. Die völlig überraschte Polizei, zum letzten Mal mit Tschakos. Nach dem 4. November werden allgemein Plastikhelme und-schilde eingeführt.


»Ihr müßt diesen Typen nur ins Gesicht sehen« (Klaus Schütz, SPD)

APO Berlin 1966-1969

mit Texten von Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker

Zweitausendeins Verlag

erschienen Juni 1980, 168 Seiten