Werkphasen

Michael Ruetz ist vor allem ein geduldiger Beobachter. Er hat jeweils nur ein oder höchstens zwei Themen und widmet sich diesen mit voller Aufmerksamkeit, da er keinerlei ablenkende Auftragsarbeiten ausführt. In seinen ersten Jahren als Photograph in den Sechziger Jahren, als er noch an der Freien Universität Berlin studierte, hatte er nur zwei Themen: Erstens die studentische Szene der Achtundsechziger und zweitens die DDR und Ostberlin.

Von der Mitte der Siebziger bis zur Mitte der Achtziger widmete er sich seinen Dokumentationen der Augenwelt Goethes, die in insgesamt drei Bänden erschien.

Cover vdes Buches Mit goethe in der Schweiz

Darauf folgten ähnliche Werke über Theodor Fontane, Dylan Thomas und Arno Schmidt.

Die achtziger Jahre waren ausschließlich der Produktion der Bücher für das Kunstbuch-Label new york graphic society des ehrwürdigen Verlags Little, Brown and Company in Boston, des ältesten Verlags der USA vorbehalten. Für diese Reihe entwickelte er einen eigenen Buchtyp , der sehr schnell populär und vielfach kopiert wurde. In Deutschland führte er zu einer Hausse von Nachahmungen unter der Bezeichnung „Panoramaformat“, obwohl Ruetz stets betonte , dass er mit dem Begriff Panorama nichts zu tun habe.

In seinem Studienjahr in der Villa Massimo widmete er sich fast ausschließlich der Suche und Dokumentation der verstreut in der Stadt sowie im Umland liegenden, meistenteils spurlos verschwundenen Aquaedukte.

Die nächsten großen Themen waren ein Buch mit dem Titel Windauge, in dem das Sehen als epitomischer Begriff im Sinne von in physisch Hier und seelisch Dort sein dargestellt wird.

Ende der Achtziger, gleichzeitig mit den großen Umwälzungen im Osten intensivierte Ruetz seine in den Sechzigern begonnene Folge von Bestands- und Momentaufnahmen an neuralgischen Punkten in Europa und vor allen in Berlin. Das Projekt, auf eine Dauer von 25 Jahren angelegt, wird erst im Jahr 2021 vollständig abgeschlossen sein – nach einer Projektdauer von insgesamt 57 Jahren.

Zusätzlich dazu betrieb er seit 1990 eine mit so großer Ausführlichkeit noch nie vorgenommene Langzeit-Dokumentation einer kleinen Personengruppe. Von dieser ist bisher nur ein geringer Teil unter dem Titel facing time veröffentlicht worden.

Von 1989 bis 2012 dokumentierte er die Veränderungen einer Landschaft unter dem Einluss von Faktoren wie Licht, Jahreszeit, Färbung, Witterung. Der in Farbe aufgenomme Teil dieses Zyklus wurde 2018 unter dem Titel Die absolute Landschaft / The Epitomic Landscape als Buch veröffentlicht. Der simultan in Grautönen aufgenomme Teil folgt im Jahr 2020 als Buch unter dem Titel a perenial gaze als Band 2 der éditions facteur cheval. Bilder aus den beiden letztgenannten Bilderzyklen wurden in großen Museumsausstellungen gezeigt.

Ruetz‘ eigentliches Verdienst mag sein, dass er das eigentlich nüchterne photograpische Dokument in den Rang eines Kunstwerks erhoben hat. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass Ruetz sich nie als photographischer Profi gefühlt hat, sondern dem Herzen nach ein Linguist geblieben ist. Das zeigt sich an seinen zahlreichen Essays zu Themen der Kunst, Geschichte und auch Photographie sowie an den Publikationen über Heinz Hajek-Halke.

Dazu schrieb er gelegentlich:

„Photographie als bloße Kunstfertigkeit oder Selbstzweck hat mich nie wirklich interessiert. Infolgedessen bin ich nie ein versierter Fachmann, ein richtiger „Profi“ geworden. Letztlich interessieren mich Wort und Sprache mehr. Die Lebenslinie der Rigaschen Ruetz, schreibenden Journalisten, setzt sich fort. Meine Sprachstudien haben mich nachhaltiger geformt als die wenig inspirierten Diskussionen in beispielweise der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner – obwohl Otto Steinert meinen tiefsten Respekt genießt und ich allen Grund zum Dank habe. Es mag zwar auch zutreffen, dass ein Bild mehr als tausend Worte sage. Dennoch: das richtige Wort sagt mehr als der Tsunami von Fotos, der uns täglich überschwemmt. Ich ziehe daraus meine Schlüsse“.

Michael Ruetz